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Archiv 15. Legislaturperiode
Bundesumweltminister Jürgen Trittin
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Titel: Naturschutz und Outdoor-Sport sind vereinbar
- Untertitel: Naturathlon führt durch 30 Schutzgebiete
- Redner/in: Jürgen Trittin
- Anlass: Kongresseröffnung Sport in Schutzgebieten
- Datum/Ort: 14.09.2004, Deutsche Sporthochschule Köln
Sehr geehrter Herr Professor Allmer,
sehr geehrter Herr Professor Roth,
lieber Winne Hermann,
meine Damen und Herren,
manche Vorurteile halten sich hartnäckig. Zum Beispiel, dass Sport und Naturschutz Feuer und Wasser seien. Die Praxis belegt jedoch das Gegenteil. Es kann so sein - muss aber nicht.
Nicht immer sind die Sportler die Übeltäter. Mitte der 90er Jahre verwandelte sich beispielsweise der Badesee St. Leon-Rot in Baden-Württemberg von einem intakten Binnengewässer in eine Unterwasserwüste. Die Verursacher waren schnell ausgemacht: Die Tauchsportler sollten es gewesen sein. Erst genauere Untersuchungen identifizierten "die wahren Schuldigen": eine Überpopulation von Graskarpfen.
Rasch wurde klar, dass Taucher und Naturschützer das gleiche Ziel hatten: ein Seebiotop, das auch für Taucher viel zu entdecken böte. Also setzte man die Graskarpfen um und einigte sich präventiv mit den Tauchern auf Regeln, um die Ruhe im See und das ökologische Gleichgewicht zu sichern.
Es gibt in Deutschland viele Vereinbarungen dieser Art - vor allem für die Schutzgebiete. Naturschutz hat keinesfalls die Kehrseite, den Menschen aus der Natur zu verbannen. Im Gegenteil: Ein Schutzgebiet profitiert davon, dass viele Menschen es kennen und schätzen. Wanderer, Kanufahrer, Reiter und Taucher sind Partner langfristigen Naturschutzes, denn sie haben großes Interesse an zusammenhängenden und vielfältigen Naturräumen.
Allerdings müssen wir diesen Dialog zwischen Naturschützern und Outdoor-Sportlern intensiver führen. Ich freue mich, dass Sie "Sport in Schutzgebieten" als Kongressthema gewählt haben.
Rechtliche Regelungen für 15 Millionen Outdoor-Sportler
Rund 15 Millionen Deutsche treiben regelmäßig Sport in der Natur. Das ist etwa jeder fünfte. Hinzu kommen Touristen, die zu Urlaubszeiten gezielt in besonders schöne Naturregionen fahren. Das sind oft sehr sensible Gebiete wie die Alpen und das Wattenmeer. Die Outdoor-Sportler stören sich zum Teil sogar gegenseitig, wenn es keine Regeln gibt.
Wir müssen vor Ort diskutieren und entscheiden, wie ein Interessenausgleich aussehen könnte. Dabei denke ich nicht an grundsätzliche Verbote, Schutzgebiete zu betreten. Sondern an Regeln und Angebote, die den Schutz von Flora, Fauna und Landschaftsbild mit den berechtigten Freizeitwünschen der Menschen in Einklang bringen. Angebote sind erfahrungsgemäß sinnvoller als Verbote. Die meisten Wanderer und Biker bleiben auf klar ausgeschilderten Wegen. Paddler nutzen gute Ein- und Ausstiegsstellen und Aussichtspunkte, die optimalen Blick auf die Tierwelt geben.
Weit vorangeschritten ist dieser Interessenausgleich in den Schutzgebieten.
- Immerhin sind 2,8 % der Landfläche Deutschlands Naturschutzgebiete.
- Hinzu kommen 28,6 Prozent Landschaftsschutzgebiete. Das sind meist Nationalparke, Biosphärenreservate und Naturparke.
Wir haben bei der Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes auf Wunsch der Sportverbände ausdrücklich vertragliche Vereinbarungen für Freizeitsport in Schutzgebieten ermöglicht. Sportorganisationen befürchteten damals, die Ausweisung neuer Naturschutzgebiete könnte Wanderer und Kanufahrer aus diesen Wäldern und Seenlandschaften verbannen. Das war aber keineswegs beabsichtigt. Allerdings muss der Schutz der Natur Priorität behalten. Inzwischen gibt es zahlreiche freiwillige Vereinbarungen zwischen Sportlern und Naturschützern. Selbst dort, wo es bereits eine Nationalparkverordnung gibt.
Auch in einem Nationalpark, in dem wir auf das Ordnungsrecht zurückgreifen, sind Information und Beteiligung unverzichtbar, um Akzeptanz für Naturschutz zu erreichen. Wir haben deshalb im Bundesnaturschutzgesetz den frühzeitigen Informationsaustausch mit allen Betroffenen zur Auflage gemacht. Auch die EU-Kommission fordert, die Managementpläne für NATURA 2000-Gebiete kooperativ zu entwickeln.
Das Bundesnaturschutzgesetz ist Rahmenrecht. Jedes Land muss es in Landesrecht umsetzen. Das haben bisher nur Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen-Anhalt getan. Allerdings sieht bisher nur Schleswig-Holstein explizit eine Beteiligung der Sportvereine vor.
Da Natursportverbände befürchten, im Landesrecht keine Beteiligungsrechte zu bekommen, überlegen einige, eine Anerkennung als Naturschutzverband zu beantragen. Denn Naturschutzverbände haben das Recht zur Einsicht in Planungsunterlagen des Bundes. Aber sie müssen auch nachweisen, dass sie dazu finanziell, fachlich und organisatorisch in der Lage sind. Auf Landesebene muss sich ein Verband zu Hunderten von Planungsfällen sachlich kompetent äußern. Um als Naturschutzverband nach dem Bundesnaturschutzgesetz anerkannt zu werden, reicht es daher nicht, ideell oder vorübergehend Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege zu fördern. Sondern der Verband muss nachweisen, dass er vorwiegend im Naturschutz tätig ist.
Zusätzliche Aufgaben in diesem Umfang würden für die meisten Sportverbände zu einer schweren Belastung. Wir brauchen daher in den Landesnaturschutzgesetzen Beteiligungsrechte für Sportvereine, damit sie bleiben können, was sie sind: gute Sportvereine. Diese Position vertritt auch der Beirat für Umwelt und Sport, den ich einberufen habe, um Konflikten zwischen Sport und Naturschutz vorzubeugen.
Eine Outdoor-Kultur für Schutzgebiete entwickeln
Ich sagte vorhin: Angebote sind besser als Verbote. Aber schwarze Schafe gibt es überall. Wer mit dem Mountainbike über Trockenwiesen mit Orchideen heizt und im Brutgebiet zeltet, schadet der Natur und bringt seine Sportart in Misskredit. Wichtig erscheinen mir vor allem zwei Ansatzpunkte:
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Wer in der Natur Sport treibt, sollte mehr über die Schäden erfahren, die falsches Verhalten verursacht. Viele wissen, dass der Sibirische Tiger vom Aussterben bedroht ist - aber sie wissen nicht, wie schlecht es um das Überleben von Feldhase, Bergmolch und Kuhschelle steht.
Sie wissen nicht, wie gravierend sich das Landschaftsbild verändert, wenn einzelne Arten - z.B. Biber - aussterben oder das Schutzgebiet verlassen.
- Wir müssen vermitteln, dass Freiheit auch in der Natur Grenzen hat. Denn Freiheit bricht sich immer an der Freiheit der anderen. In diesem Fall am notwendigen Freiraum für die Natur.
Hier hat auch die Sportartikelindustrie eine Verantwortung: Bilder aus der Werbung prägen die Erwartungen der Freizeitsportler, das, was sie erleben wollen. Um eine neue Outdoor-Kultur zu entwickeln, ist die Sportartikelindustrie daher ein wichtiger Partner, denn sie erreicht gerade jene individualistischen Jogger, Wanderer, Kletterer wie mich, die keinem Verein angehören.
Eventgestalter, -ausrüster und -berichterstatter sollten ihren großen Einfluss auf das Verhalten von Sportlern und Touristen im Sinne des Natur- und Landschaftsschutzes nutzen. Denn immer mehr Urlaubsregionen setzen bei ihrem Tourismusmarketing auf sogenannte Outdoor-Events, seien es Hubschrauberflüge zum Gletscher-Skiing oder zu Top-of-the-Mountain-Concerts.
Die klassischen Megaereignisse des Sports profilieren sich hingegen durch wachsende Ansprüche an ökologische Verträglichkeit: Olympiaden ebenso wie die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Für mich als Umweltpolitiker sind solche internationalen Wettkämpfe eine Chance, über Sport Umweltbewusstsein weltweit zu fördern.
Sport-, Umwelt- und Naturschutzorganisationen sollten sich in den Regionen gemeinsam für eine ökologisch verträgliche Ausrichtung auch kleinerer Sportevents einsetzen. Sie können gemeinsam Umweltstandards formulieren. Wenn sie z.B. Autolawinen in die Natur vermeiden und stattdessen auf öffentlichem Personennahverkehr in die Natur bestehen, verbessern sie damit zugleich die Mobilität der örtlichen Bevölkerung. Unter Umständen sogar auf Dauer.
Intakte Natur und Landschaft sind das Kapital jeder Urlaubsregion. Wer Natur- und Landschaftszerstörung zulässt, schadet sich selbst gleich mehrfach:
- er verliert eine wichtige Einnahmequelle und
- er zerstört den Naherholungsraum der eigenen Bevölkerung.
Wie man einen Natursportevent natur- und landschaftsverträglich gestaltet, zeigt beispielsweise der Naturathlon, der übermorgen in Berchtesgaden startet. Fünf Sportlerteams - Männer und Frauen - werden in 18 Tagen mehr als 2.700 km quer durch Deutschland fahren: von den bayerischen Alpen bis an die Ostsee. Meist mit dem Fahrrad, aber auch mit dem Gleitschirm, dem Kanu oder zu Fuß. Gleichzeitig demonstrieren Kletterer, Reiter, Ruderer, Segler und Taucher, wie sie Outdoor-Sport treiben und dabei die Schutzbedürfnisse der Natur respektieren.
Veranstalter ist das Bundesamt für Naturschutz. Kooperationspartner sind die Deutsche Sporthochschule Köln, der Verband Deutscher Naturparke, der Deutsche Sportbund und der Kommunikationsverband.
Die Strecke führt durch mehr als 30 Nationalparke, Naturparke und Biosphärenreservate. Das Team der Deutschen Sporthochschule hat sie gemeinsam mit den Verwaltungen der Schutzgebiete ausgearbeitet. Der Naturathlon präsentiert Schönheit und Vielfalt der Natur und der Landschaften ebenso wie natur- und landschaftsverträgliche Routenplanung und umweltverträgliches Verhalten der Sportler. Ich hoffe, dass viele Menschen sich aufs Rad schwingen und eine Tagesetappe mitfahren. Täglich informiert ein "Markt der Umweltmöglichkeiten" über Sport und Naturschutz und über andere Themen.
Der Naturathlon wird am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, in Mecklenburg-Vorpommern enden: am Kap Arkona auf Rügen. Am 3. Oktober 1990 hat die letzte Regierung der DDR in buchstäblich letzter Minute ein Nationalparkprogramm beschlossen und wertvolle Großschutzgebiete vor dem Ausverkauf gerettet.
In Mecklenburg-Vorpommern sind Großschutzgebiete ein Tourismusmagnet. Seit zwei Jahren hat McPomm die höchsten Zuwachszahlen beim Tourismus aller Bundesländer. Naturschutz erweist sich als Standortvorteil und sichert Arbeitsplätze.
Dies ist so erfolgreich, dass es hier nun Bestrebungen gibt, einen privat finanzierten Nationalpark zu gründen. Das wird ein interessantes Experiment. Wie wäre es, wenn sich Naturschutz wie Sportverbände hieran beteiligen würden? Wenn Sie gemeinsam einen naturverträglichen Interessenausgleich sicherstellen würden?
Neue Schutzgebiete können auch neue Chancen für Sportler bedeuten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen - als Wanderer und Jogger wie von Amts wegen - einen erfolgreichen Verlauf Ihrer Tagung.
Weitere Informationen: Pressemitteilung vom 14.09.2004
"Mehr Allianzen zwischen Sport und Naturschutz".
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